Vertrauensvolle Zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je
„Langfristige Partnerschaften waren vor 100 Jahren genauso wichtig wie heute. Nur die Gründe haben sich verändert: Vor hundert Jahren braucht man das Vertrauen und die Partnerschaft, weil die Kommunikation um die halbe Welt sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Man konnte nicht wie heute innerhalb von wenigen Stunden fünf Mails schreiben, die Anforderungen und Wünsche kommunizieren und nochmal am Telefon nachjustieren.“ Majid Chragas Augen leuchten, wenn er anfängt, über den Teehandel zu sprechen. Der kaufmännische Leiter im Teehandelshaus J. Fr. Scheibler hat sein Handwerk hier gelernt. Er berichtet vom Beginn des Teehandels durch das Unternehmen vor 128 Jahren, als die Ware noch mit großen Segelschiffen, den sogenannten Tea Clippern, nach Hamburg gebracht wurden. Stabile und verlässliche Handelspartnerschaften waren damals notwendig, damit der Handel überhaupt funktionierte.
Heute hingegen brauchen die Unternehmen der Teebranche einen sehr kurzen Draht und ständigen Austausch mit ihren Lieferanten im Ursprung, weil die Anforderungen im Bereich Qualitätssicherung und Lebensmittelsicherheit so hoch geworden sind und ständigen Veränderungen unterliegen.
„Wir haben uns in Europa einen Mikrokosmos gebaut mit unserem knapp 1% Teeimport der jährlichen Gesamtproduktionsmenge. Global gesehen sind wir ganz kleine Abnehmer, erwarten aber dennoch, dass unsere Lieferanten ihre Prozesse für uns umstellen und beispielsweise zahlreiche Dokumente zusätzlich ausfüllen,“ so Chraga. Da brauche es viel gegenseitigen Respekt, Verlässlichkeit und eine gute Zahlungsmoral, damit diese Partnerschaften trotz hoher Anforderungen an Produktqualität und zusätzlicher Bürokratie funktionierten.
Diese über viele Jahre gewachsene Verbundenheit bedeute gleichzeitig eine große Verantwortung. „Denn wenn einmal Unstimmigkeiten auftreten sollten, sei es beispielsweise hinsichtlich der Analysenergebnisse zu einem Kaufmuster oder weil sich die Lieferung der Ware verzögert, dann suchen wir gemeinsam mit unserem Lieferanten nach Lösungen. Das merken sich die Produzenten natürlich. Sie sagen sich: ‚Da ist jemand, der das mit mir zusammen durchsteht und mich nicht einfach hängenlässt‘,“ berichtet der Teehändler in seinem Büro in der Hamburger Innenstadt.
Doch Chraga nennt auch noch weitere Gründe, warum es neben den regelmäßigen Kontrollen und Audits so wichtig ist, die engen und langanhaltenden Beziehungen zu den Lieferanten zu pflegen: „Wir lassen unsere Waren aufwändig zertifizieren, sind so oft wie möglich vor Ort. Hinzu kommt eine genaue Marktkenntnis – aus Erfahrung gibt es genug Hinweise darauf, wann wo welche Risiken hinsichtlich einer möglichen Nichteinhaltung von ökologischen oder sozialen Standards bestehen könnten. Aber das Wichtigste: Wenn ich meinen Produzenten genau kenne, dann weiß ich, wie er tickt. Dann weiß ich, welche moralischen Vorstellungen er hat und welche Ethik er vertritt.“ So habe neulich ein Produzent beim Austausch zu einer vermeintlichen Unstimmigkeit im zweiten Satz gesagt: „Ich habe hier 5.000 Leute, die ich beschäftige. Was passiert mit denen, wenn das hier daneben geht?“ „So etwas sagt niemand, der keine Verantwortung für seine Mitarbeiter trägt”, ist sich Chraga sicher. Wie so häufig konnte im Laufe des Gesprächs die anfängliche Irritation zusammen mit dem Produzenten aufgelöst werden.
Zum Ende des Gesprächs geht Majid Chraga noch einmal auf seine eigene Rolle ein, die er seit fast zwanzig Jahren innehat: Wie viele andere Unternehmen in der deutschen Teebranche ist die Firma J. Fr. Scheibler mit 25 Mitarbeitenden eher klein. Einkäufer sind zugleich auch Verkäufer, mit persönlichem Kontakt zu Lieferanten und Kunden. „Das heißt, wir spüren am eigenen Leib, wie es ist, von einem Kunden plötzlich hängen gelassen zu werden, auch wenn schon sehr viel Arbeit in das Geschäft geflossen ist.“ So lerne man ganz schnell dem alten Sprichwort zu folgen: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu“.